CD: Patrick Watson "Close To Paradise" (V2/Universal)
Widerstand zwecklos
Es
ist die Crux eines jeden Rezensenten: Wie beschreibe ich eine Musik, ohne
ständig unbotmäßige Vergleiche zu bemühen? Die außergewöhnliche Falsett-Stimme
Watsons erinnert an den verstorbenen Jeff Buckley? Darf man so empfinden,
muss man aber nicht. Patrick Watson - der Bandname steht im übrigen nicht
bloß für Watson selbst, sondern für alle vier Mitglieder - ist glücklicherweise
denkbar weit davon entfernt, Versatzstücke vergangener Zeiten wiederzukäuen
und mit musikalischen Zitaten zu protzen.
Watson und seine Mitstreiter erweisen sich nämlich als ein Paradebeispiel
an Vielseitigkeit, flechten verschiedenste Stile, Klänge und Stimmungen
ineinander und erschaffen nie zuvor gehörte atmosphärische Soundlandschaften,
die im Kopf des Hörers alsbald zu faszinierenden Geschichten mutieren.
Die Songiddeen enstehen im stillen Kämmerlein und wachsen sich dann im
Studio zu komplexen, mehrschichtigen Arrangements aus. Das Design der
Stücke folgt noch immer der cineastischen Herangehensweise des vormaligen
Soundtracktüftlers Patrick Watson. Erstmals gießen die Kanadier ihr surreales
Ideen-Feuerwerk auf "Close To Paradise" jedoch in klassische Songstrukturen.
Am Beginn des Titelstücks funkelt ein Glockenspiel, dann setzt ein schleppendes
Schlagzeug ein, eine Slide-Gitarre lässt den Sound schlingern und taumeln.
Als Watson zu singen beginnt, denkt man unwillkürlich zunächst an John
Lennon in der "White Album"-Phase (wieder so ein Vergleich...) - dann
jedoch schlägt diese Stimme irrwitzig versponnene Bögen und Buckley-affine
Kapriolen. "Daydreamer" - der Titel ist Programm - rumpelt düster-dramatisch,
vollgestopft mit schwebenden Samples und durchaus geräuschlastig durch
eine geheimnisvoll funkelnde fremde Welt. Das Herz des Ganzen ist aber
Watsons traumverlorenes Piano.
Der
ausgebildete Pianist mit Klassik- und Jazzerfahrung webt hypnotische Muster
auf seinem Instrument, um die sich schließlich ein ganzer Kosmos an Stimmungsbildern
zu drehen beginnt. So auch in "Slip Into Your Skin": Das mit Besen gespielte,
jazzige Schlagzeug gibt einen trägen Takt vor, das wiederkehrende Thema
des Pianos perlt leichtfüßig und melancholisch zugleich, Chorstimmen irrlichtern
durch die Landschaft. Erstaunlich, dass es Watson und seinen Mitstreitern
auf dieser Platte gelingt, die bisweilen wild gemixten Stilelemente zu
einem geschlossenen Ganzen zu verschmelzen: Filmmusik, Indierock, Folk,
Klassik, Jazz, Gospel, Vaudeville-Anleihen (und was das Herz eben gerade
begehrt) fügen sich nahtlos an- und ineinander, ohne dass auch nur der
geringste Eindruck entsteht, hier sei in Bastelmanier etwas konstruiert
worden.
"Close To Paradise" fällt zu keinem Zeitpunkt ab: Das wunderbare "Luscious
Life" gebärdet sich als packender, radiotauglicher Indie-Hit, "Drifters"
türmt sich zu einem dramatischen Finale von kaum erträglicher Intensität
auf, Watson singt wie der Teufel. Ein Kunststück folgt dem anderen auf
dem Fuße, 13 Tracks lang. Die ergreifende Piano-Ballade "The Great Escape"
wurde von den Machern von "Grey's Anatomy" gar zur Untermalung der dritten
Staffel der TV-Serie auserkoren. Diese Musik entführt in andere Sphären
- Widerstand zwecklos. Es bleibt das sonderbare, weil selten gewordene
Gefühl, man habe hier soeben einem modernen Klassiker gelauscht.
rou
www.patrickwatson.net
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