TjianBenjamin Nossen Wohnort: Nürnberg, Bayern
Nach einigen Banderfahrungen produziert er nun als Solokünstler, u.a.
um Musik zu machen, "mit der alle Bandmitglieder, also in diesem Fall
eine Person, glücklich sind". Glückwunsch zu dieser Entscheidung, denn
an Ideen mangelt es ihm nun wahrlich nicht, und spätestens nach dem Anhören
seiner EP "Fantasy Joys" oder den Alben "People Who Look Good...
Sometimes" und "Schlacksy!!!" kann niemand mehr ernsthaft
wollen, dass ihm jemand dazwischenfunkt.
Online:
10 Alben, die Tjian mit auf eine einsame Insel nehmen würde:
Platten:
Wer den Werdegang dieses Daniel Düsentrieb des Gitarrenpop verfolgt hat, weiß, dass der Wahnsinn Methode hat: Ausgehend von einer einfachen, aber immer schrägen Grundidee kombiniert Tjian scheinbar unpassende Elemente, mixt diverse Stile wild durcheinander und kocht aus dieser musikalischen Ursuppe ein erstaunlich bekömmliches LoFi-Gericht. "Sleeping Bag (The Cinimini Song)" startet mit billigem Elektrogedudel und wächst sich unter zweistimmigem Gesang, viel Geblubber und Gescratche schließlich zu einem hoppelnden Anti-Reggae aus. Fröhlicher und liebenswerter als auf "I Hate You" wurde indes wohl noch nie gehasst. Die schmissige Indie-Pop-Nummer "Never Take The Drugs Your Mom Gives You" weckt hingegen den Verdacht, dass hier jemand diesen gut gemeinten Rat nicht beachtet hat - das Ganze klingt wie Pavement im Hustensaft-Rausch. "Schlacksy!!!" ist nicht mehr so Rhythmus-orientiert wie der gleichermaßen
exzellente Vorgänger "People Who Look Good...Sometimes", hat aber mit
"Robot Dolls" und "Open Mic Night" wieder Nummern im Programm, bei denen
schon die Drum-Spur alleine mitreißt. Dazu noch dieser unnachahmliche,
sehr bestimmt alle Melodieseligkeit meidende Gesang, eine gehörige Portion
Gefiepe und Gesummse: Fertig ist das ideale Muttertagsgeschenk für alle
durchgeknallten Muttis. Sleeping Bag (The Cinimini Song)
Das Tjian-Universum wabert nach wie vor in kreativem Chaos, eiert mehr als es kreist und stößt den Hörer immer wieder auf die eine entscheidende Frage: Was zum Himmel ist das?! Der Spassfaktor hat im Vergleich zu früheren Stücken nochmals zugelegt, verstärkt kommen jetzt Samples und allerlei elektronische Spielereien zu haarsträubendem Einsatz. Das rhythmische Fundament ist ausgefeilter - und holpert dabei noch eine Spur eigenwilliger daher. Tjian schlingert irgendwo zwischen Gitarrenpop, experimenteller Schräglage und Kinderlied durch die acht Songs des neuen Albums, scheut sich nicht, unvermittelt von Rap zu minimalistischem Sambagedudel überzugehen ("Cowboy Convention") und liefert nebenbei auch wieder in Gimmicksounds gekleidete eingängige Songperlen ("How They Killed Art") ab. Titel wie "We Could Grill A Snowman" vermitteln einen Eindruck davon, wohin das Ganze textlich geht... Es bleibt festzuhalten: In unseren Breiten gibt es nichts mit Tjian Vergleichbares.
"People Who Look Good…Sometimes" ist ein kurzes aber äußerst vergnügliches
Unterfangen, geeignet zum Schunkeln, Zappeln und Sich-Wundern. Wiederum
also Höchstnoten für Originalität, Kreativität und Witz. Plastic Trees
"Flamingo Tragedy" erzählt von allzu bunten Musiklehrerinnen und begeistert durch den unwiderstehlich hoppelnden Refrain. In "Menkind Will Die" kommentiert Tjian männerfeindliche Lesbenflyer und kreuzt klassischen Beat mit jazzigen Pianoklängen. Nach einem netten, aber unspektakulären Instrumental (The Antz In My Underpants) folgt schon der nächste Höhepunkt: Im wunderbar schrammeligen "Hemp Perfume" macht sich Tjian über den erstaunlichen Esoterikmüll in manchen Köpfen lustig: "The Scientologist there with his smiling cheese loves you and your tofu dog"... Aber es geht noch bekloppter, schließlich gibt es noch die entspannt-soulige
Ballade vom heimtückischen Mord an einem Gartenzwerg, die Max Mutzke niemals
singen wird (The Dwarf In My Garden), einen äußerst merkwürdigen, von
Banjoeinlagen und lyrischen Passagen zerrissenen Rap (Monkey Cop) und,
bevor die EP mit einem ruhig-schwebenden Barblues ausklingt (My Mannequin),
noch ein kleines fetziges Kabinettstückchen (A World For Psychologists).
Fazit: "Fantasy Joys" ist vollgestopft mit kreativen Einfällen, reizvoller
Musik - und macht wirklich Spaß. Fantasy Joys
Live-Review: Tjian (Düsseldorf, Damen und
Herren, 04.06.09) Angereist war diesmal Tjian aus Nürnberg, der jüngst mit seinem Album "Schlacksy!!!" wiederum ein Paradestück an musikalischer Kreativität und Witz abgeliefert hat (siehe Rezension vom Mai 2009). Eröffnet wurde der Abend jedoch von Daniel Decker, der mit seinem "Pawnshop Orchestra"-Projekt und als Mitbetreiber des Labels lolila zum festen Inventar der Düsseldorfer LoFi-Szene zählt. Während Decker, der seine Songs verstärkt von Konservenmusik und elektrischer Gitarre zum Besten gab, hier ein Heimspiel hatte, konnte das mengenmäßig recht überschaubare Publikum mit den LoFi-Folk-Perlen von Tjian offensichtlich nicht allzuviel anfangen. Das mag daran gelegen haben, dass Stücke wie "Open Mic Night" oder "Never Take The Drugs Your Mom gives You", die auf "Schlacksy!!!" verspielt arrangiert daherkommen, doch etwas von ihrer skurilen Wirkung einbüßen, wenn sie nur zur akustischen Gitarre vorgetragen werden und man sich nicht recht auf die lohnenswerten Texte einlässt. "Ich bin mir ja nicht sicher, ob man die Songs, die ich alleine spiele gut finden kann, wenn man die Texte nicht versteht", resümiert Tjian später. "Häufig müsste ich vielleicht vor Konzerten Wörterbücher austeilen." Dabei hat er gerade darin den Reiz eines Solo-Sets gesehen, die Texte
in den Vordergrund stellen zu können, wie er im Gespräch mit LoFi-Lab
verriet. Weil eine Reproduktion des aufwändig arrangierten Album-Sounds
nicht machbar ist, sei dies eine Alternative zur Band-Besetzung, die zumindest
bei anderen Auftritten durchaus Zuspruch geerntet habe. Das Düsseldorfer
Publikum setzt da offenbar andere Prioritäten. Wenigstens konnten wir
noch Tjians Eminem-Cover lauschen, bevor er nach einer guten halben Stunde
frühzeitig seine Gitarre einpackte.
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